TÜBINGEN. Die einen schicken mit Sicherheit ein Stoßgebet zum
Himmel, während der Count-Down für den Raketen-Start
läuft. Die anderen werden sich noch einmal überlegen, wieviele
Stunden sie diesem Projekt gewidmet haben. Viel Geld und viel Arbeit
stehen auf dem Spiel, wenn morgen um 15.32 Uhr der bislang größte
europäische Wissenschaftssatellit ins All geschickt wird. Auch
Tübinger Astronomen haben daran mitgearbeitet.
In früheren Jahrhunderten konnten Astronomen am Himmel nur das
beobachten, was sie mit dem Auge sehen konnten: nämlich das Licht. Es
gibt jedoch im Weltall noch ganz andere Arten von Strahlung. Eine der
wichtigsten ist die kosmische Röntgenstrahlung. Für die Astronomen
ist sie heutzutage deshalb so interessant, weil man sich von ihr
Aufschluss über die Entstehung des Kosmos erhofft.
Röntgenstrahlung aus dem All wird allerdings von der Erdatmosphäre
absorbiert. "Das ist eine vermutlich nicht zufällige Koinzidenz",
findet der Tübinger Röntgen-Astronom Prof. Rüdiger
Staubert, "dass die für den Menschen gefährliche Strahlung, zum
Beispiel auch die UV-Strahlung, absorbiert wird. Und nur das optische und
für den Menschen wahrnehmbare, ungefährliche Licht durch die
Atmosphäre dringt." Für die Astronomen macht das die Sache
freilich auch ziemlich schwierig: Um kosmische Röntgenstrahlung
aufzuzeichnen, muss man die Messgeräte außerhalb der
Erdatmosphäre platzieren.
Das versuchten Wissenschaftler des Tübinger Instituts für
Astronomie bereits in den 70er Jahren. Damals schickten sie
Versuchsballons mit Messgeräten und Röntgen-Kameras in 40
Kilometer Höhe. Später beteiligten sich die hiesigen
Röntgen-Astronomen an etlichen Satelliten-Missionen. Ihre
langjährige Forschungsarbeit und die Erfahrung bei Messungen
kosmischer Strahlung hat sie jetzt auch für eines der größten
wissenschaftlichen Projekte der European Space Agency (ESA) qualifiziert:
für die XMM-Mission. XMM ist ein 3,8 Tonnen schwerer
Forschungssatellit, der Physiker und Astronomen mit einer Fülle von
Daten über Röntgenstrahlung aus dem All versorgen soll. Der
Satellit selbst wurde unter Leitung der Dornier Satellitensysteme GmbH in
Friedrichshafen gebaut. Ins All verfrachten soll ihn morgen die
Trägerrakete Ariane 5. Start ist um 15.32 Uhr (MEZ) in Kourou in
Französisch-Guyana. Die ESA lässt sich diese Mission knapp 500
Millionen Mark kosten.
Die Ausstattung des Satelliten ist ein
Gemeinschaftswerk von Wissenschaftlern in ganz Europa. Der
Satelliten-Körper besteht aus einer zehn Meter langen Röhre mit drei
Teleskopen. Flügelgleich sind die Solargeneratoren für die
Energieversorgung mit einer Spannweite von rund 30 Metern am
Satelliten-Leib angebracht. Am hinteren Ende der Teleskop-Röhre sitzen
die Bilddetektoren: Kameras, die die eingehende Röntgenstrahlung
abbilden und in Datenmaterial umwandeln, das zur Erde geschickt
wird. Darin besteht auch der Tübinger Beitrag: Eine der drei
Detektor-Kameras haben die Tübinger Astronomen unter Leitung von
Prof. Staubert und Dr. Eckhard Kendziorra in Zusammenarbeit mit dem
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching
konstruiert. Die MPI-Leute bauten den 6 x 6 Zentimeter großen
Silizium-Chip. Die Tübinger konstruierten die Elektronik, die die
153 600 Pixel des Chips abliest.
Von jedem einzelnen eingehenden Röntgen-Quant wird gemessen, wo und wann
er auf dem Silizium-Chip auftrifft und welche Energie er trägt. Ein
eigenes Kunstwerk sind die Teleskopröhren, an deren Entwicklung die
Firma Zeiss beteiligt war. Sie fokussieren die Röntgenstrahlen auf den
Silizium-Chip. Die 58 ineinandergeschachtelten, aus Nickel gefertigten
Spiegel-Schalen sind einen halben Meter lang. Ihre Oberfläche muss
extrem glatt sein, erklärt Staubert. Nimmt man als Vergleichswert eine
10 Kilometer breite Wasseroberfläche (so breit ist der Bodensee etwa
zwischen Konstanz und Meersburg), so dürfte sich das Wasser nicht
einmal um sechs Tausendstel Milimeter kräuseln. Dieses fi-ligrane Werk
gab dem Satelliten auch seinen Namen: XMM steht für "x-ray" und
"multi-mirror".
Rund 3,3 Millionen Mark hat die vom Bund finanzierte Tübinger
Forschung für XMM bisher gekostet, berichtet Staubert. Zehn Jahre
Entwicklungsarbeit stecken in der Detektor-Kamera. Neben den
Instituts-Mitarbeitern haben zahllose Studierende von diesem Projekt in
Form von anschaulichem und anwendungsnahem Unterricht profitiert. Allein 16
Examensarbeiten entstanden in Tübingen zur XMM-Mission.
Wenn der Satellit dann auf seiner exzentrischen Umlaufbahn die Erde
umkreist, wird er die Tübinger (und andere Wissenschaftler) noch mit
viel mehr Arbeit versorgen. "Wir sind ja nicht an dem Projekt beteiligt,
damit wir Elektronik bauen können, sondern um damit Astrophysik zu
machen", sagt Staubert. Wie alle XMM-Mitarbeiter haben sich die
Tübinger durch ihre Konstruktionsarbeit einen Anteil an den XMM-Daten
gesichert. Um 90 Prozent des zu erwartenden Materials gibt es in einer
weltweiten Ausschreibung aber einen regelrechten Wettbewerb unter
Forschungs-Instituten; auch dabei haben sich die Tübinger um weiteres
Material beworben. Welche Rückschlüsse sich aus dem nun zu
erwartenden Röntgen-Material über die Entstehung des Kosmos? ziehen
lassen, werden allerdings erst die Analysen der kommenden Jahre zeigen.
Bilder: Angela L. Marciniak/ESA
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